27.08.2026
Sun Moon Lake, Yuchi, Taiwan
Am kommenden Morgen geht es schon früh weiter an den Sun-Moon-Lake, der vielen von euch vermutlich als begehrtes Ausflugsziel bekannt ist. Doch die Region ist weit mehr als das: Sie ist auch die Heimat des Taiwan Red Tea – und hervorragender biologisch produzierter Tees.
Herr Liang hat uns gleich zu einem seiner biologisch bewirtschafteten Teegärten bestellt, wo bereits zwei Teepflückerinnen bei der Arbeit sind. Wir bekommen einen kalt aufgegossenen Weisstee – Cold Brew –, der uns bei Hitze und Durst wunderbar erfrischt. Nach ein paar Worten zum Kennenlernen, der Auswahl eines Hutes und eines Korbes geht es los.
Die drei obersten Blätter, die jüngsten und frischesten Triebe, werden abgeknickt und gepflückt, in einer Hand gesammelt und anschliessend in den Korb gelegt. Nach einigen vergeblichen Versuchen, den in meiner Hand gesammelten Tee zielsicher in meinen eigenen Korb auf dem Rücken zu werfen, wird mir schnell klar: Auch das Teepflücken ist Teamarbeit!
Was für ein Erlebnis, das Vertrauen zu bekommen, selbst Hand anzulegen und dieses kostbare Gut der Teepflanzen zu ernten. Und damit hat Herr Liang für uns die Tür zur Tee-Pädagogik und Tee-Bildung mit Herz, Hirn und Hand geöffnet.
Wir geben unsere bescheidene Ernte, die Körbe und Hüte wieder ab und folgen Herrn Liang zu dem völlig neu eingerichteten Gebäude. Es wird künftig sowohl der Ort der Teeproduktion als auch der Tee-Bewertung und -Bildung sein.
Herr Liang ist Teebauer in vierter Generation. Neben der Bewirtschaftung seines biologischen Teegartens arbeitet er seit 25 Jahren am Tea and Beverage Research Center Taiwan, Yuchi Branch, einem staatlichen Tee- und Kaffee-Forschungszentrum. Dieses unterstützt sowohl die Tee-Bildung als auch die Kooperation der Teebauern in der Region.
Auch Herr Liang ist – ähnlich wie Herr Lou in Zhu Shan – ein begeisterungsfähiger und engagierter Teebauer mit grossartigen Kenntnissen und einem hohen Bewusstsein für Tee, Teekultur und Teeproduktion.
Und wieder erleben wir: Tee ist weit mehr als ein Getränk. Er verbindet Menschen, Landschaft, Handwerk, Wissen und Kultur.
Zhushan, Nantou / 17.08.2026
Wir folgen dem Ruf des Tees und der Keramik in Taiwan, der uns nun nach Zhushan und später an den Sun-Moon-Lake führt. In Taichung stösst CoCo zu uns und wird uns die nächsten drei Tage auf unserer Reise begleiten. CoCo ist eine österreichische Sinologie-Studentin, die an der Tunghai University in Taichung ihre Masterarbeit über die taiwanesische Teekultur und ihre Verbindung zu den Teehäusern schreibt.
Gemeinsam machen wir uns auf den Weg nach Zhushan, um dort den ersten Teebauern, Herrn Luo, zu besuchen. Herr Luo ist Teebauer in zweiter Generation und kultiviert seine Teepflanzen seit zehn Jahren biologisch – ohne Pestizide und ohne Dünger. In Zhushan betreibt er ein Teehaus, in dem man seine Tees verkosten und kaufen kann.
Wir nehmen an seinem Präsentationstisch Platz und verkosten einen hervorragenden Weiss- und Schwarztee aus dem Ruby-Kultivar sowie einen braunen Tee aus dem Kultivar Taiwan Tea Nr. 23 - Qiyun, der auf eine neue Entwicklung in dieser Region hinweist. Herr Lou erzählt mit grosser Begeisterung von seinen Tees. Dabei erfahren wir auch, dass er einen wichtigen Teil seiner Arbeit der Tee-Pädagogik widmet. Er bietet Workshops an, in denen er die vielen Facetten des Tees vermittelt und unterschiedliche Zugänge eröffnet, die notwendig sind, um Tee – hier in Taiwan und darüber hinaus – wirklich zu verstehen und tiefer in die Teekultur einzudringen.
Nach der Verkostung packt er uns drei in sein Auto, und wir fahren über relativ enge und steile Strassen auf eine Höhe von 1104 Metern zu einem seiner Teegärten. Was uns dort erwartet, ist eine Folge von Eindrücken und Erstaunen. Organisch kultivierte Teebäume – meist Taiwan Native Mountain Tea und Taiwan Tea Nr. 18, Ruby – wachsen hoch, vereinzelt und in unregelmässigen Abständen. Umgeben von kräftigen Bambusstämmen formieren sie sich zu einem ganz eigenen Teewald.
Wir durchwandern diesen Teegarten und werden Zeugen eines nahezu unbeschreiblichen Naturschauspiels. Vor einem hellen Sonnenschlitz am Horizont schieben sich auf unserer Höhe mehrere Dunstwolken ins Bild. Sanft, aber zügig streichen sie über die Landschaft, benetzen die Teepflanzen mit Feuchtigkeit und ziehen weiter. Eine wunderbare Symbiose von Klima, Landschaft und Pflanze – und vielleicht ein Teil dessen, was den Tee zu dem macht, was wir an ihm so schätzen.
Wir fahren wieder zurück nach Zhushan, doch die Bilder bleiben und beschäftigen uns noch lange.
Von Herrn Luo haben wir frisch produzierte, wunderbare Ruby White und Ruby Red mitgenommen. Ab September werden beide Tees in seinem Teegeschäft erhältlich sein.
Imari, Arita, Karatsu / 11. - 13.08.2026
Wenn wir während unserer Reise durch Nordkyushu nicht gerade Teebauern besuchten, verbrachten wir viel Zeit in Keramikwerkstätten und -geschäften.
Die Dichte und Intensität des keramischen Schaffens in der Präfektur Saga ist beeindruckend. Wir erkundeten mehrere Keramikwerkstätten in Imari, Arita und in Karatsu. Besonders beeindruckt haben uns die Arbeiten der Keramikkünstler Koji Inoue und Kentarou Murayama.
Koji Inoue ist der gegenwärtige Meister des renommierten Kyozan-Kilns. Er verbindet den traditionellen Karatsu-Stil, den er von seinem Vater übernommen hat, mit den Einflüssen seiner modernen Kunstausbildung. In seinen Arbeiten zeigt sich die natürliche Struktur des Tons ebenso wie eine wunderbar ursprüngliche, rustikale Schönheit. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Teekeramik.
Das Atelier von Kentarou Murayama liegt auf halber Höhe des Berges Kagamiyama. Der Ausblick aus dem Ausstellungsraum und von der Terrasse war einfach atemberaubend! Durch den Bambuswald blickt man über die Karatsu-Bucht mit ihren verstreut liegenden, dicht bewaldeten grünen Inseln.
Murayamas Arbeiten greifen die Tradition der Karatsu-Keramik auf und verbinden sie mit Materialien aus der unmittelbaren Umgebung seines Ateliers: Erde, Steine und Pflanzen. Gleichzeitig wirken seine Entwürfe ausgesprochen zeitgenössisch und vermitteln eine besondere Einfachheit, Ruhe und Wärme.
Wenn Sie die Wirkung und das handwerkliche Können dieser beiden bemerkenswerten Keramikkünstler sowie weiterer Werke aus der Region selbst erleben möchten, besuchen Sie uns im September in unserem Geschäft. Wir freuen uns darauf, Ihnen einige ihrer wunderbaren Arbeiten persönlich zeigen zu können.
Nagasaki Region /10.08.2026
Wir trafen Marjolein von @ikedokitea und ihre Praktikantin Sara um 8:30 Uhr auf dem Parkplatz des Bahnhofs von Ureshino. Marjolein hatte geplant, uns zu zwei kleinen Teebauern zu bringen, die beide ihre Teegärten ohne den Einsatz von Pestiziden oder chemischen Düngemitteln bewirtschaften.
Der erste Teebauer, Uenohara Kuoji, lebt und arbeitet im Gebiet von Saza, etwa 90 Autominuten von Ureshino entfernt. Während der Fahrt erzählte uns Marjolein von Uenoharas Geschichte und seiner Arbeit mit Tee. Er ist einer der wenigen – vielleicht nur drei – Teebauern in der Region, die noch Kamairicha herstellen, einen in der Pfanne gerösteten Grüntee. Die Röstmaschinen, die Herr Uenohara noch heute verwendet, stammen aus den 1970er-Jahren und wurden ursprünglich von seinem Vater angeschafft. Da solche Maschinen heute nicht mehr hergestellt werden, muss Herr Uenohara sie selbst warten und reparieren.
Die Fahrt führte uns über teils sehr unwegsame, schmale Straßen, abschüssige Wege, die beiderseits vom Wald überwuchert zu werden schienen, und durch enge Kurven und Wendungen. Gleichzeitig waren wir umgeben von einer beeindruckenden Landschaft aus Bergen, Kiefernwäldern, Reisfeldern und unzähligen anderen Pflanzen. Der Reichtum der Landschaft, die unterschiedlichen Farbsättigungen der Grüntöne schufen eine schier endlose Abfolge wunderschöner Ausblicke.
Auch der zweite Teebauer, Tōzaka Kōichi, ist Teebauer in der dritten Generation. Laut Marjolein verfolgt er bei der Herstellung seines Tees einen experimentelleren Ansatz. Er kultiviert seine Teepflanzen nicht nur ohne Pestizide und chemische Düngemittel, sondern bemüht sich auch darum, Tees aus einzelnen Kultivaren und einzelnen Ernten herzustellen, um die besonderen Eigenschaften der jeweiligen Kultivare und ihres Terroirs hervorzuheben.
Der interessanteste und beeindruckendste Tee, den wir bei Uenohara probierten, war der Zairai Kamairicha. Zairai bezeichnet keine bestimmte registrierte Sorte, sondern eine aus Samen gezogene Teepopulation. Die Pflanzen, die wir probierten, wurden vor etwa 60 Jahren von Herrn Uenoharas Großvater gepflanzt. Wir verkosteten den Tee sowohl warm bei etwa 80 °C als auch kalt aufgegossen. Wir waren beeindruckt von seiner feinen Süße und sanften Adstringenz, begleitet von Noten von Orange und Marzipan.
Bei Tōzaka probierten wir Tamaryokucha, sowohl unbeschattet als auch 14 Tage beschattet, außerdem Schwarztee und zwei verschiedene Hōjichas aus im Herbst und Winter geernteten Blättern. Der Tamaryokucha war fruchtig, cremig und reich an Umami. Am meisten beeindruckte mich jedoch der Hōjicha aus Blättern, die im November 2025 geerntet wurden. Er zeigte einen wunderbar komplexen Charakter mit milchigen, schokoladigen, floralen und leicht süßen Noten.
Einige wenige Proben wurden bereits für die Verkostung in Wien abgepackt.
Yame / 6.8.2026
Reisfelder säumen unseren Weg nach Yame und sind die ersten Zeugen landwirtschaftlicher Nutzung in dieser üppigen, von dichten Wäldern, Bergen und tief eingeschnittenen Flüssen geprägten Landschaft. Umso größer ist unsere Freude, als wir nach rund 90 Minuten Fahrt in Yame-Kurogi schließlich die ersten Teefelder erreichen – und Toshi auf seiner Teefarm begegnen.
Toshiharu Horiuchi @TOKUSHIBA FARMS hat vor zehn Jahren, inspiriert von seinen Großeltern, die selbst einen kleinen Teegarten besaßen, und aus persönlicher Überzeugung eine Teefarm übernommen. Heute produziert er neben Matcha aus fünf verschiedenen Kultivaren auch japanischen Schwarztee sowie Sencha, Hōjicha und Kukicha – alles in hochwertiger Bio-Qualität.
Yame ist für seine besonderen Tees bekannt. Das bergige Gebiet liegt häufig im Nebel, und die besonderen klimatischen Bedingungen verlangsamen das Wachstum der Teepflanzen. So können die Blätter ihre wertvollen Inhaltsstoffe und Aromen bewahren und entwickeln eine bemerkenswerte Tiefe und Fülle – geprägt von der Landschaft, in der sie wachsen.
Von Nachmittag bis spät in die Nacht verkosteten wir Toshis verschiedene Tees und besuchten seine biologisch bewirtschafteten Plantagen. Besonders beeindruckend war die Vielfalt der Kultivare: Farbe, Aroma, Geschmack, Adstringenz, Bitterkeit und Intensität können sich von Sorte zu Sorte erstaunlich unterscheiden. Den Abend ließen wir bei köstlichem, selbstgemachtem und frisch gegrilltem Takoyaki ausklingen.
Natürlich haben wir auch Teemuster für JADETEE & KERAMIK eingepackt und freuen uns schon darauf, diese besonderen Tees gemeinsam mit Ihnen in Wien zu verkosten.
Toshio Weg ist nicht immer einfach: Biologischer Teeanbau ist anspruchsvoll, und die Konkurrenz durch konventionell produzierte Tees stellt eine zusätzliche Herausforderung dar. Gemeinsam mit seiner Freundin Marina und weiteren Helferinnen und Helfern arbeitet er dennoch mit großer Leidenschaft am Aufbau und an der Zukunft seines Betriebs.
Wir durften einen wunderbaren Abend mit ihnen verbringen und anschließend sogar unser Lager für eine Nacht auf den Tatami-Matten aufschlagen, die normalerweise den Teepflückerinnen und Teepflückern vorbehalten sind.
Wir hoffen, Sie haben nun Appetit auf diese köstlichen und kostbaren Tees bekommen und freuen uns, wenn Sie weiterhin virtuell Teil unserer Reise bleiben.
FUKUOKA / 05.08.2026
Nach 14,5 Stunden, und einer kurzen Zwischenlandung in Taipei, senkt sich die Maschine der EVA-Airlines im sonnigen Dunst über dem Meer in Richtung Fukuoka. Fukuoka haben wir für unsere diesjährige Reise durch den nördlichen Teil der Insel Kyushu als Ausgangspunkt gewählt. Diese Reise wird uns in den nächsten 10 Tagen über die Tee- und Keramik-Orte Yame, Ureshino, Nagasaki, Arita und Karatsu wieder zurück nach Fukuoka und von dort weiter nach Taiwan führen.
Bevor wir morgen unseren ersten Teebauern in Yame besuchen werden, hier eine Skizze, was und wie wir Fukuaka erlebt haben: Im Wesentlichen haben wir uns in der Altstadt bewegt, die Hakata heißt: Zwei Flussarme, der Naka River und der Hakata River lockern diesen historischen Stadtteil etwas auf. Natürlich haben wir den Kushida Shrine, den Suikio Tenmangu-Shrine sowie den Shofoku-ji Tempel und Tocho-ji Temple besucht und dort jeweils kurz innegehalten. Der Shofuku-ji Tempel “gilt als ältester Zen-Tempel und wurde 1195 von Mönch Eisai (Teeliebhaber kennen diesen Namen schon), der die Rinzai-Schule des (Zen-)Buddhismus aus China mitbrachte und dabei auch gleich noch den Tee im Gepäck hatte.”
Weiter gings über die Geschichte- und Geschichten erzählenden Steinkonstruktionen der Fukuoka Burg aus dem 17. Jahrhundert, zu Acros-Fukuoka, ein dicht bewaldetes Terrassenhaus mitten in der Stadt. Eindrücke hinterließen die Mantra artigen Ansage-Melodien des Busfahrers, die vielen Kirschbäume, die nach ihrer wundervollen Blüte im Frühjahr in der trommelnden Sommerhitze die Stadtwanderer mit ihrem Schatten schützen. Wo wir in Wien vielleicht zu viel der öffentlichen Abfallkübeln aufhängen, läufst du in Fukuoka einen halben Tag mit einem schweißgetränkten Taschentuch herum, dessen du dich schon längst entledigen wolltest. Viel Schatten und viel Licht, das mit tropischer Sonne und Luftfeuchtigkeit uns das Salz auf die Haut trieb. Wir freuen uns, dass wir hier angekommen sind.
Wir melden uns wieder von der nächsten Etappe unserer wunderbaren und interessanten Reise.